Wir haben 1 Gast online

Ruslan Ponomariov ist der neue Schachkönig von Dortmund

Ruslan Ponomariov heißt der Sieger des Sparkassen Chess-Meetings 2010. Gegen Liem Le Quang reichte dem Ukrainer in der letzten Runde ein Remis, um gleich bei seinem ersten Auftritt in Dortmund siegreich zu bleiben. Nach 10 aufreibenden Runden hatte er am Ende 6,5 Punkte auf dem Konto, einen mehr als der zweitplatzierte Liem Le Quang. „Pono“ startete mit zwei Siegen ins Turnier und gab die Führung bis zum Schluss nicht mehr ab. „Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so ein starkes Turnier gewonnen habe. Dementsprechend bin ich sehr glücklich. Heute Abend gehe ich mit meinem Sekundanten Zahar Efimenko feiern“, äußerte sich der 26-jährige nach der Partie. Man spürte, dass der Druck, der sich über das ganze Turnier aufgebaut hatte, abgefallen war.

alt 

Liem Le Quang war die Überraschung des Sparkassen Chess-Meetings 2010. Nominell als Nr. 6 gestartet landete der Vietnamese auf Rang 2 und beeindruckte das Publikum durch beherzte Leistungen. In der letzten Runde hatte er sogar die Möglichkeit mit einem Sieg gegen Ponomariov den Ukrainer in der Tabelle einzuholen und dank besserer Wertung das Turnier zu gewinnen. „Es ist schade, dass ich meine bessere Stellung nicht verwertet habe. Die Position war kompliziert und ich hatte einfach zu viele gute Möglichkeiten. Das hat mich wohl verwirrt“, analysierte der 19-jährige kurz nach der Partie. Über sein Abschneiden insgesamt war er natürlich zufrieden. „Vor dem Turnier habe ich so eine Platzierung nicht erwartet. Es ist eine Bestätigung für meine harte Arbeit, denn ich habe mich vor dem Turnier intensiv vorbereitet.“

Es folgt die Partie der beiden Erstplatzierten mit Kommentaren der Spieler: 

Ponomariov,Ruslan (2734) - Le Quang,Liem (2681) [B13]
Sparkassen Chess-Meeting 2010 (10), 25.07.2010

1.e4 Ich hatte Zweifel vor der Partie, was ich spielen soll. Die Turniersituation erforderte es, nichts zu riskieren. Deswegen wählte ich eine ruhige Variante gegen Caro-Kann (Ponomariov). 1...c6 2.d4 d5 3.exd5 cxd5 4.Bd3 Nc6 5.c3 Nf6 6.h3 Qc7 7.Nf3 g6 8.0-0 Bf5!?

alt 

An dieser Stelle bekam ich Zweifel. Mit meinem Sekundanten Zahar Efimenko, der diese Variante gegen Konstantin Landa bei der russischen Meisterschaft gespielt hatte, hatte ich mich gut vorbereitet. Aber es sah so aus, als ob mein Gegner sogar hierauf gut präpariert war (Ponomariov). 9.Re1 9.Bxf5 gxf5 10.Ne5 e6 mit Idee 0-0-0 ist wohl zu riskant für Weiß (Ponomariov). 9...Bxd3 10.Qxd3 Bg7 11.Nbd2 0-0 12.Nb3 e6 Mir war unklar, was mein Gegner in dieser Partie wollte. Normalerweise hätte ich remis geboten, um zu sehen, woran ich bin, aber dank der Sofia-Regel war mir das nicht möglich (Ponomariov). 13.a4 Rfe8 14.g3 Ne4 15.Bf4 Qd8 16.h4 h6 17.Kg2 g5!

alt 

Das habe ich unterschätzt. Ich dachte, dass ich tausche und meinen Gegner dann auf der h-Linie mattsetze. Das war natürlich Unsinn (Ponomariov). 18.hxg5 hxg5 19.Be3 f5 20.Ng1 Qf6 Stattdessen waren folgende Varianten interessant: 20...f4!? 21.gxf4 gxf4 22.Bxf4 e5; 20...e5!? 21.dxe5 Nxe5 22.Qc2 f4 23.gxf4 gxf4 24.Bxf4 Qf6!? (Ponomariov). 21.Ne2 Rad8 22.f3 Nd6 23.Qc2

alt 

Hier muss ich besser stehen, doch die Stellung ist sehr kompliziert. Es gibt einfach zu viele Möglichkeiten (Le Quang). 23...f4 Das erschien mir sehr stark während der Partie (Le Quang). 24.Bf2 Nc4 25.g4 Kf7 26.Nd2 Qg6 27.Rac1 e5 28.Qxg6+ Kxg6 29.Nxc4 dxc4 30.Red1 exd4 30...Rd5 31.dxe5 Rd3 32.Nd4 Nxe5 war vielleicht besser, aber ich sehe nicht, wie Schwarz gewinnen soll (Le Quang). 31.Nxd4

alt 

Ab jetzt ist die Stellung ausgeglichen. Das Remis ist kaum zu vermeiden (Ponomariov). 31...Ne5 32.Nf5 Nd3 33.Rc2 Bf6 34.Rh1 Das habe ich übersehen. Danach ist es remis (Le Quang). 34...Rh8 35.Rxh8 Bxh8 36.Re2 Nxf2 37.Kxf2 Bf6 38.Re4 Rd2+ 39.Re2 Rd3 40.Re4 Rd2+ 41.Re2 Rd3 42.Re4 ½-½
 
alt
Ruslan Ponomariov-Liem Le Quang

Für Wladimir Kramnik nahm Dortmund 2010 ein versöhnliches Ende. Er siegte im Eiltempo gegen Shakhriyar Mamedyarov und kam immerhin auf 50% der Punkte, genau wie sein heutiger Gegner. Ihre Partie verlief ungewöhnlich. Mamedyarov ließ sich auf eine Variante ein, die der Russe schon ein Mal gespielt hatte und aus dem Effeff kannte. Dementsprechend dauerte die Partie kaum mehr als eine Stunde, bis der Aserbaidschaner einen entscheidenden Fehler beging und kurz danach aufgab.

alt
Wladimir Kramnik-Shakhriyar Mamedyarov

Die letzte Partie des Tages war ein mehrteiliger Akt inklusive Irrungen und Wirrungen. Peter Leko hatte sich gegen Arkadij Naiditsch aus der Eröffnung heraus einen entscheidenden Vorteil erspielt, um ihn kurz vor der Zeitkontrolle im 40. Zug wieder aus den Händen gleiten zu lassen. Es entstand ein Springerendspiel mit einem Mehrbauern für den Ungarn. Zu Beginn sah alles nach einem Remis aus, doch der Dortmunder verteidigte sich ungenau, wonach die Stellungsbewertung sich wieder zu Gunsten von Leko änderte. Nach ca. 5,5 Stunden gelang dem 30-jährigen der erste Sieg im Turnier.

alt
Peter Leko-Arkadij Naiditsch

Das Helmut-Kohls-Turnier endete mit einer dicken Überraschung. Der titellose und nominell schwächste Teilnehmer, Jens Kotainy, besiegte in der letzten Runde Markus Schäfer und gewann mit 6 Punkten aus 9 Runden das Turnier. Darüber hinaus durfte sich das 16-jährige Talent über seine erste IM-Norm freuen. Ebenfalls eine IM-Norm erzielten Viacheslav Klyuner und Patrick Zelbel. Für beide war es die dritte Norm. Während der Ukrainer bei der nächsten Gelegenheit zum Internationalen Meister ernannt wird, muss der 17-jährige Dortmunder noch eine Elo-Zahl von 2400 Punkten erreichen.

alt
Jens Kotainy

Das Sparkassen A-Open sah ein totes Rennen. GM Tigran Nalbandian, IM Thomas Henrichs und IM Mihail Zaitsev erzielten 7 Punkte aus 9 Runden. Dank der besseren Wertung wurde der Armenier Nalbandian zum Sieger erklärt.

Das Sparkassen B-Open wurde eine sichere Beute des vereinslosen Spielers Alexander Kirtania. Er gewann mit 8 Punkten und einem ganzen Zähler Vorsprung.

Zum Sparkasssen Chess-Meeting 2010 zog Veranstaltungsleiter Gerd Kolbe zufrieden Fazit:

Das Sparkassen Chess-Meeting, das am 25. Juli mit der letzten Runde und der abendlichen Siegerehrung endete, hat seinen Rang als herausgehobene, weltweit anerkannte Veranstaltung einmal mehr bestätigt. Dies findet seinen Ausdruck auch im Ehrenpreis des Schachbundes Nordrhein-Westfalen, den Präsident Dr. Hans-Jürgen Weyer während der Eröffnungsveranstaltung den Organisatoren verlieh.

In der Begründung heißt es: „Das hervorragende Engagement der Stadt Dortmund und der Sparkasse Dortmund als Hauptsponsor sowie eine Vielzahl von Helfern haben das Großmeisterturnier zusammen mit dem Offenen Turnier zu einem der bedeutendsten Schachereignisse der Welt werden lassen. Hiervon profitiert das Schach in Deutschland und insbesondere der Schachsport in Nordrhein-Westfalen.”

Als besucherfreundlich  hat sich die Einführung der „Sofia-Regel” erwiesen. Sie verhindert schnelle Remis und sorgt für  noch spannendere Partien.

Die Besucherzahlen des vergangenen Jahres werden 2010 voraussichtlich nicht ganz erreicht. Petrus hatte offensichtlich vergessen, dass Super-Temperaturen auch Schachfans über erfrischende Alternativen nachdenken lassen. Eine kontinuierliche Steigerung hingegen registriert die leicht zeitversetzte “Live-Präsentation” der Partien im Internet. Allein auf der Veranstalter-Homepage verfolgten täglich knapp 15.000 Interessenten auf allen Kontinenten das Geschehen im Dortmunder Schauspielhaus. Damit bestätigt sich der Slogan, den FIDE-Präsident Prof. Max Euwe 1977  den Dortmundern schenkte: “Ein intelligentes Spiel - aus einer intelligenten Stadt - für die intelligenten Menschen in aller Welt!“

Einmal mehr fanden sich auch internationale Journalisten ein. So berichtete beispielsweise „NTV Russland” täglich vom Geschehen rund um die Großmeister.

Zu den Besuchern gehörte der langjährige FIDE-Weltmeister Anatoli Karpow, der selbst fünfmal in Dortmund antrat und das Turnier 1993 gewann. Karpow strebt das Amt des FIDE-Präsidenten an. Auch Vlasdimil Hort, der Sieger von 1980, gab dem Meeting die Ehre.

Überragend war das Echo auf die Autogrammstunde mit den Großmeistern im Kundenzentrum der Sparkasse Dortmund am spielfreien Dienstag. Etwa 160 Autogrammjäger standen artig bis zu einer halben Stunde an, um die Unterschriften der Schach-Weltstars zu ergattern.

Eine gute qualitative Entwicklung nimmt das Helmut-Kohls-Turnier, das ebenfalls im Schauspiel stattfand. Die beiden „Offenen Turniere” im Rathaus vereinigten 224 Spielerinnen und Spieler am Brett mit den „magischen” 64 Feldern.

2011 wird die 39. Auflage des Sparkassen Chess-Meetings ab Ende Juli stattfinden.