Umkämpfte Runde in Dortmund

Umkämpfte Runde in Dortmund

Die 8. Runde des Sparkassen Chess-Meetings bot Schach vom Allerfeinsten. Alle drei Partien waren hart umkämpft und bis zum Ende spannend. Letztendlich gab es aber nur einen Tagessieger.

Ruslan Ponomariov schlug Hikaru Nakamura. Der 23-jährige Amerikaner wählte auf den Doppelschritt des d-Bauern die Königsindische Verteidigung. Sein 27-jähriger Gegner ließ sich aber nicht auf einen scharfen Kampf ein, sondern wählte eine ruhige Variante, in der früh die Damen getauscht wurden. Der Ex-Weltmeister aus der Ukraine übte in der Folge dank seines starken Läuferpaars unangenehmen Druck auf die schwarze Stellung aus und erspielte sich positionelle Vorteile. Im richtigen Moment tauschte er einen Läufer gegen den gegnerischen Springer, um sich einen gefährlichen Freibauern auf der g-Linie zu schaffen. Dieser band die gegnerischen Kräfte und erlaubte Ponomariov mit seinen Türmen in die schwarze Stellung einzudringen. Der Amerikaner versuchte seinen Gegner mit einer trickreichen Mattidee noch zu überlisten, doch Ponomariov behielt die Übersicht, wendete die Drohung ab und gewann.

alt 

Ponomariov,Ruslan (2764) - Nakamura,Hikaru (2770) [E97]
39. Sparkassen Chess-Meeting 2011 Dortmund (8), 29.07.2011

1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 Lg7 4.e4 d6 5.Sf3 0-0 6.Le2 e5 7.0-0 Sc6 8.dxe5 dxe5 9.Lg5 Dxd1 10.Tfxd1 Lg4 11.h3 Lxf3 12.Lxf3 Sd4 13.Sd5 Sxd5 14.cxd5 f5

alt 

Interessanterweise hat der Ukrainer mit dieser Variante schon Erfahrung gesammelt. Gegen eine ältere Version des Fritzprogramms wählte er 2004 in Bilbao an dieser Stelle 15.Td2. Gegen Nakamura spielte er einen neuen Zug. 15.Kf1 15.Td2 Tf7 16.Le3 Sxf3+ 17.gxf3 Lf8 18.Tc1 a5 19.Kf1 Ld6 20.Ke2 Kf8 21.Tdc2 a4 22.Tc4 Ke7 23.h4 Kd7 24.h5 gxh5 25.Th1 f4 26.Ld2 a3 27.b3 h4 28.Txh4 Tc8 29.Kd3 Tg8 30.Tc1 Tg2 31.Ke2 Tgg7 32.Lc3 Te7 33.Th5 Tg6 34.Tch1 Tgg7 35.Tf5 Tg2 36.Kf1 Tg8 37.Thh5 Tge8 38.Ke2 Tg8 39.Kf1 Tge8 40.Tfg5 c6 41.dxc6+ Kxc6 42.Th6 b5 43.Ke2 Kd7 44.Tgh5 b4 45.Ld2 Tf7 46.Txh7 Txh7 47.Txh7+ Kc6 48.Th6 Kc7 49.Th7+ Kc6 50.Th6 Kc7 51.Th7+ ½-½ Ponomariov,R (2722)-FRITZ/Bilbao 2004. 15...Tf7 16.Tac1 fxe4 17.Lxe4 Lf8 18.Td3 Ld6 19.Le3 Sf5 20.Ld2 a5 21.Tf3 b6 22.g4 Se7 23.Tfc3 Td8 24.Lg5 Td7 25.h4 Tf8 26.Lh6 Tf7 27.Ke2 Kh8 28.Lg5 Tf8 29.f3 Sg8 30.Th1 Sf6 31.Lxf6+ Txf6 32.g5 Tf4 33.h5 Kg8 34.hxg6 hxg6 35.Th6 Tg7 36.Lxg6 Tb4 37.b3 a4 38.Tc1 axb3 39.axb3 Txb3 40.Tch1 Kf8 41.Th8+ Tg8 42.Le4 Tb2+ 43.Kf1 Le7 44.g6 Lf6 45.T8h7 Lg7 46.T1h5 Ke7 47.Txe5+ Kd6 48.Te6+ Kc5 49.Te7 Ta8 50.Txc7+ Kd6 51.Tc1 Ld4 52.f4 Lc5 53.Tc2 Tb1+ 54.Kg2 Tg1+ 55.Kh2 Tg4 56.Lf5 Txf4 57.Le6 Tf6 58.g7 Txe6 59.dxe6 Tg8 60.Te2 Ke7

alt 

An dieser Stelle war ich mir plötzlich nicht mehr sicher, ob Weiß tatsächlich gewinnt. Mir gingen Varianten durch den Kopf, in denen Schwarz trotz des Materialnachteils ein theoretisches Remis erreicht (Ponomariov). 61.Te4! 61.Kg3? wäre nach 61...Ld4 62.Kf4 Txg7 63.Txg7+ Lxg7 64.Kf5 laut Nalimov Tablebases tatsächlich Remis. 61...b5 61...La3 62.Ta4 (62.Kh3? Lb2 63.Kg4 Txg7+ 64.Txg7+ Lxg7 65.Kf5 Lh6!! und Remis laut Nalimov Tablebases) 62...Ld6+ 63.Kh3 Kxe6 64.Th6+ Kd5 65.Tg4 Le5 66.Th5+- 62.Kh3 b4 63.Th5 Ld6 64.Tb5 Kf6 65.e7 1-0 "Mein Gegner spielte heute sehr passiv. Ich bekam ein besseres Endspiel, aber auch am Ende war es nicht einfach zu gewinnen. Ich bin jetzt einfach nur müde", äußerte sich der Ukrainer nach der Partie. 

alt
Hikaru Nakamura läuft in Dortmund seiner Form hinterher

Wladimir Kramnik entkam gegen Liem Le Quang nur knapp seiner ersten Niederlage in Dortmund. Aus einer Damenindischen Partie entwickelte sich ein sehr interessantes Mittelspiel. Der 20-jährige Vietnamese erlaubte dem Russen ein starkes Zentrum, bekam dafür aber am Damenflügel die Oberhand. Dort spielte sich in der Folge das Geschehen ab und es wurden Figuren getauscht. Es entstand ein besseres Endspiel für Le Quang, da er einen starken Freibauern auf der c-Linie bilden konnte. Jetzt kam der technische Teil der Partie und hier tat sich der sympathische Mann aus Asien schwer. Er konnte die meisterhafte Verteidigung des 36-jährigen Russen nicht durchdringen und musste letztendlich ins Remis einwilligen. Es folgen die entscheidenden Momente dieser Partie.

Le,Quang Liem (2715) - Kramnik,Wladimir (2781)
39. Sparkassen Chess-Meeting 2011 Dortmund (8), 29.07.2011
Stellung nach 31.Sd2:

alt 

31...Sb4 In der Vorausberechnung rechnete der Russe, dass er hier statt dem Springerzug 31...Txc3 32.Txc3 Sb4 spielen könnte. Doch nach 33.Dxc4! Dxd2 sah er 34.Txe6! und Weiß gewinnt in allen Varianten. Witzigerweise fragte Ruslan Ponomariov nach der Partie genau nach dieser Zugfolge und wurde - vom Computer - eines Besseren belehrt. 32.Lxb4 Txb4 33.Sxc4 Dd5 34.Ted1 Dc6 35.Sxa5 Dxa4 36.Dxa4 Txa4 37.Sb7 Lh6 38.Tc2 Lf4 38...e5! hätte er mit guten Remischancen spielen müssen, meinte Kramnik im Nachhinein. 39.g3 Lc7 40.Td7 Tc8 41.Tcd2 e5 42.Te7 Td4 43.Ta2 e4

alt 

44.Ta7 Nach der Partie waren sich die Spieler einig, dass 44.Ta6! Weiß gute Gewinnchancen geboten hätte. Das ist auch der Vorschlag des Computers. Nun verflacht die Partie zusehends. 44...Lb8 45.Ta8 Tf8 46.Sa5 Ta4 47.Kg2 f5 48.c6 Ld6 49.Txf8+ Kxf8 50.c7 Lxc7 51.Txc7 Txa5 52.Txh7 Ta2 53.Kg1 Ta1+ 54.Kg2 Ta2 55.Kg1 Ta1+ 56.Kg2 Ta2 ½-½

alt 

Georg Meier und Anish Giri trennten sich remis. Hier war es der Deutsche, der am Ende mit diesem Ergebnis hochzufrieden sein durfte. Die Kontrahenten wählten eine hochaktuelle Variante der Katalanischen Eröffnung. Der 23-jährige Trierer opferte einen Bauern, doch sein 17-jähriger Gegner aus den Niederlanden dämmte die leichte weiße Initiative schnell ein. Im Mittelspiel verpasste Giri eine gute Möglichkeit, die geschwächte Königsstellung seines Gegners zu attackieren. Stattdessen wählte er den Übergang ins Endspiel. Hier konnte der Trierer das Gleichgewicht aber gerade noch halten, da sein Springer dem schwarzen Läufer überlegen war – Remis nach 69 Zügen.

Es folgt die Partie mit Anmerkungen von Vladimir Chucelov, der in Dortmund Giris Sekundant ist.

Meier,Georg (2656) - Giri,Anish (2701) [E04]
39. Sparkassen Chess-Meeting 2011 Dortmund (8), 29.07.2011

1.Sf3 d5 2.d4 Sf6 3.c4 e6 4.g3 dxc4 5.Lg2 a6 6.0-0 Sc6 7.e3 Tb8 Das ist der neueste Trend in dieser Variante (Vladimir Chucelov). 8.De2 b5 9.b3 cxb3 10.axb3 Sb4

alt 

Eine Idee am Brett. Giri kannte die Variante, hatte sie aber nicht ausführlich analysiert. Mit 10. Sb4!? weicht er von den Vorgängern ab. 11.Se5 Sd7 12.Sc6 Ich denke, dass das nicht der beste Zug ist. 12.Td1 oder 12.La3 sieht logischer aus (Vladimir Chucelov). 12...Sxc6 13.Lxc6 Tb6 14.Df3 Lb4 15.Ld2 Lxd2 16.Sxd2 0-0 17.Lxd7 Dxd7 18.Se4 Dd5 19.Df4 f6 19...Tc6! 20.Sc5 e5 21.Dh4 f5 22.b4 Df3 war Chucelovs Vorschlag und in der Tat sieht der Computer Schwarz deutlich in Vorteil. 20.Sc5 e5 21.Dh4 exd4 22.exd4 g5 23.De4 Dxe4 24.Sxe4 Te8 25.f3 h6 26.Tfe1 Kf7 27.Kf2 f5 28.Sc5 Td8 29.Ke3 Tbd6 30.Ted1 f4+ 31.gxf4 gxf4+ 32.Kxf4 Txd4+ 33.Txd4 Txd4+ 34.Ke5 Td6 35.b4 Ke7

alt 

Dieses Endspiel bietet Schwarz trotz Mehrbauern kaum Siegchancen und in der Tat hielt Georg Meier die Partie, obwohl Anish Giri noch alles versuchte, remis. 36.Tg1 Kf7 37.Tc1 Ke7 38.Tg1 Kf7 39.Tc1 Tc6 40.f4 Tf6 41.Ta1 Ke7 42.Tg1 Kf7 43.Ta1 Td6 44.Tc1 Td8 45.f5 c6 46.Se6 Td5+ 47.Ke4 Lxe6 48.fxe6+ Kxe6 49.Txc6+ Td6 50.Tc7 Kf6 51.h4 Kg6 52.Tc5 Td1 53.Tc6+ Kh5 54.Txa6 Tb1 55.Tb6 Txb4+ 56.Kf3 Tb3+ 57.Ke2 Tb2+ 58.Ke3 Tb1 59.Ke2 b4 60.Kf2 b3 61.Kg3 Tb2 62.Kh3 Tb1 63.Kg3 b2 64.Tb5+ Kg6 65.h5+ Kf6 66.Kg2 Ke6 67.Kh2 Kf6 68.Kg2 Ke6 69.Kh2 Kf6 ½-½ "Ich hätte an mehreren Stellen besser spielen können, doch ich wollte kein Risiko eingehen. Ich hab teilweise auch zu lange nachgedacht. Ich schwankte beim Endspiel zwischen Sieg und Remis, doch vielleicht habe ich es falsch eingeschätzt", meinte Giri nach der Partie.

alt 

Im Helmut-Kohls-Turnier war die 7. Runde hart umkämpft und jede Partie fand einen Sieger. Robin van Kampen gewann das Spitzenduell gegen Martin Krämer und liegt nun mit 5,5 Punkten in Führung. Aus den letzten zwei Partien muss der junge Holländer nur noch einen Punkt holen, um seine dritte GM-Norm zu sichern. 

Beim Sparkassen Open, das parallel zum Hauptevent im Rathaus stattfindet, führt zwei Runden vor Schluss der einzige Titelträger, Mikhail Zaitsev, dank besserer Wertung vor Glenn De Schampheleire. Im Teilnehmerfeld tummelt sich auch mit Prof. Dr. Eckhard Freise der erste "Wer wird Millionär?"-Hauptgewinner.

Am Samstag, den 30. Juli, findet die neunte Runde des Sparkassen Chess-Meetings statt. Die Spitzenpaarung lautet Anish Giri gegen Wladimir Kramnik. Ruslan Ponomariov trifft auf Liem Le Quang und Hikaru Nakamura auf Georg Meier. Die Partien beginnen um 15 Uhr. Spielort ist das Schauspielhaus Dortmund.