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Französischer Sieg in Dortmund

Eine Runde vor Schluss steht der Sieger des 44. Sparkassen Chess-Meetings fest. Maxime Vachier-Lagrave gewann in der 6. Runde gegen Ruslan Ponomariov und liegt vor der letzten Runde am Sonntag mit 1,5 Punkten Vorsprung uneinholbar an der Spitze. Zu einem ungefährdeten Sieg kam Fabiano Caruana, der in der kürzesten Partie des Tages Rainer Buhmann in die Schranken wies. Evgeniy Najer und Leinier Dominguez trennten sich leistungsgerecht remis. Die längste Partie des Tages spielte wieder Wladimir Kramnik. Der Rekordsieger von Dortmund versuchte fast acht Stunden seinen Endspielvorteil gegen Liviu Dieter Nisipeanu in einen vollen Punkt umzumünzen, doch die deutsche Nr. 1 verteidigte sich umsichtig.

Spielsaal
Das Orchesterzentrum war sehr gut besucht zur 6. Runde

Während des Turniers nächtigen die Großmeister nebst Anhang traditionell im Hotel Drees, das von der Familie Riepe in privater Hand geführt wird. Einer der Geschäftsführer ließ es sich nehmen und eröffnete symbolisch die sechste Runde am Brett vom Turniersieger Maxime Vachier-Lagrave.

DSCI0318
Markus Riepe eröffnet die 6. Runde des Sparkassen Chess-Meetings

Der französische Großmeister wählte gegen die Berliner Verteidigung eine Nebenvariante, die einige Nachahmer finden könnte, wenn sie das theoretisch sehr weit erforschte Endspiel vermeiden möchten. Auf jeden Fall brachte sie Vachier-Lagrave Erfolg. Die Partieanalyse erfolgt mit einigen Kommentaren bzw. Varianten des Siegers.

Vachier Lagrave,Maxime (2798) - Ponomariov,Ruslan (2706) [C67]
44. Sparkassen Chess-Meeting (6), 16.07.2016

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 Sf6 4.0-0 Sxe4 5.Te1 5.d4 ist der Hauptzug gegen die Berliner Verteidigung. Das Endspiel nach 5...Sd6 6.Lxc6 dxc6 7.dxe5 Sf5 8.Dxd8+ Kxd8 wird in der Weltspitze ständig diskutiert. 5...Sd6 6.Sxe5 Le7 7.Lf1 Sxe5 8.Txe5 0-0 9.d4 Lf6 10.Te1 Te8 11.Sc3!?

DiagrammVachier Ponomariov

Ein interessanter und kaum gespielter Versuch. Weiß ist bereit einen Bauern zu opfern. 11.c3 ist hier der Hauptzug. 11...Txe1 12.Dxe1 b6?! In Kravtsiv,M (2565)-Kryvoruchko,Y (2692) Jerusalem 2015, nahm Schwarz den Bauern auf d4 mit 12...Lxd4. Darauf hatte Maxime etwas in petto, doch er wollte es natürlich nicht verraten. 13.Lf4! Lb7 Schwarz kann die Schwächung der Bauernstruktur nicht vermeiden, z.B. 13...Le7 14.Sd5 Lf8 15.De5 Lb7 16.Ld3 und Schwarz hat Probleme die aktiven weißen Figuren im Zaum zu halten. 14.Lxd6 cxd6 15.De3 De7 16.Dxe7 Lxe7 17.g3 Kf8 17...Lf6 18.Sb5! ist gut für Weiß (MVL). 18.a4 Lc6 18...a6 19.Lg2 Lc6 20.a5 b5 21.Sd5 mit weißem Vorteil (MVL). 19.a5 bxa5 20.d5 Lb7 21.Txa5 a6 21...Ld8 22.Tb5 Tb8 23.Sa4 und Weiß kommt rechtzeitig, um wie in der Partie den weißfeldrigen Läufer auf b7 mit c2-c4 aus dem Spiel zu nehmen (MVL). 22.Ta3 Lf6 23.Sa4 Ke7 24.c4

DiagrammVachier Ponomariov2

Das war eine weiße Idee, nämlich den Läufer auf b7 aus dem Spiel zu nehmen. 24...Kd8 25.Te3 a5 26.Le2 La6 27.Kf1 Tb8 28.b3 g5 29.Ke1 Ld4 30.Tf3 Ke7 31.Ld1 h6 32.Kd2 Tb4 33.Kd3 La7 34.Tf5 f6 35.Sc3 Lc5 36.f4

DiagrammVachier Ponomariov3

Weiß hat jetzt endgültig die Initiative übernommen und dringt am Königsflügel ein. 36...Tb8 37.fxg5 fxg5 38.Kc2 Lg1 39.Lh5 39.Tf1 Lxh2 40.Se4 a4 41.Kc3 axb3 42.Th1! war vielleicht sogar noch stärker, doch das ist kaum zu berechnen (MVL). 39...Lxh2 39...Tf8 40.Txf8 Kxf8 41.h3 Lh2 42.g4 Ke7 43.Kd3 Le5 44.Se2 Kf6 45.Sd4 Lxd4 46.Kxd4± war ein Szenario, das Vachier-Lagrave vor dem Auge hatte. Der schwarze Läufer ist vom Spiel ausgeschlossen. 40.Tf7+ Kd8 41.Lg4 Tb7

DiagrammVachier Ponomariov4

42.c5 Damit haderte Vachier-Lagrave nach der Partie, denn 42.Se4! a4 43.c5! gewann auf der Stelle, doch 43.c5 hatte der Franzose übersehen. 42...Lxg3 43.Se4 Schwarz muss jetzt eine Figur geben. Es ist nur die Frage wie? 43...dxc5?! 43...Tc7 44.Sxg3 Txc5+ 45.Kb2 Lb5 war zäher. 44.Sxg3 d6 45.Tf8+ Ke7 46.Ta8 Tb6 46...Ld3+ 47.Kc3 Lg6 48.Txa5± 47.Kc3 Lb7 48.Sf5+ Kf6 Schwarz läuft in ein Mattnetz, doch die Partie hier längst vorbei. 48...Kd7 49.Se3+ Kc7 50.Th8+- 49.Tf8+ Ke5 49...Kg6 50.Te8 Lxd5 51.Se7+ Kf7 52.Lh5++- (MVL). 50.Se3 Ke4 51.Sc4 Ta6 52.Lf3#

DiagrammVachier Ponomariov5

Ein Matt mitten auf dem Brett. Es ist Ponomariov hoch anzurechnen, dass er es den Zuschauern gegenüber zuließ. 1-0

Einen sehr schnellen Sieg feierte Fabiano Caruana in der 6. Runde. Gegen Rainer Buhmann wählte er die Reti-Eröffnung. Der Computer war die ganze Zeit mit der schwarzen Stellung einverstanden, doch der 23-jährige Amerikaner meinte nach der Partie: "Meine Stellung war sehr angenehm und ich hatte einen einfachen Plan, während Schwarz Probleme hat gute Züge zu finden." Schauen wir uns mal näher an, was er damit gemeint haben könnte.

Caruana,Fabiano (2810) - Buhmann,Rainer (2653)
44. Sparkassen Chess-Meeting (6), 16.07.2016

Stellung nach 17.a3:

DiagrammCaruana Buhmann

Schwarz fiel es schwer einen Plan zu fassen und das merkt man am folgenden Zug. 17...De7?! Das erlaubt Weiß mit Tempo die zwei folgenden Züge. 17...Te8 18.Se4 Lxe4?! (18...Dd8) 19.Txe4 mit weißem Vorteil gab Caruana nach der Partie an, allerdings sollte man aus schwarzer Sicht nicht den weißfeldrigen und guten Läufer tauschen. 18.b5 Sa5 19.Db4 Df6 Die Dame musste wieder nach f6, damit kein Material verloren geht. 20.Se4 20.Sxe5!? axb5 21.Dxb5 Sc6 22.f4 mit Bauerngewinn war möglich, doch Caruana zu riskant.

DiagrammCaruana Buhmann2

20...Lxe4? Erst danach kippt die Stellung zugunsten von Caruana. Schwarz darf diesen starken Läufer nicht geben, aber offensichtlich fiel es Buhmann schwer die Füße still zu halten und "nichts" zu machen 20...De6 21.a4 oder 21.Sc5 Df6 22.Sh4 Lh7 23.Le4 Lxe4 24.Sxe4 De6 ist optisch besser für Weiß, aber es ist noch keine Entscheidung gefallen. 21.Txe4 axb5? Die Öffnung der c-Linie kostet forciert Material. 21...Te8 22.Tce1± 22.cxb5 Db6 22...Tbc8 23.Txc7! Txc7 24.Dxa5+- 23.Sxe5 Ld6 24.Db2 Tbc8 25.a4 25.Txc8 Txc8 26.Sxf7! Kxf7 27.Da2+ Kf8 28.De6! ist eine Computerfortsetzung, nach der Schwarz verloren ist. 25...Txc1+ 26.Dxc1 Dc5 27.Dxc5 Lxc5 28.h4 h5?! In schlechter Stellung stellt Schwarz noch einen Bauern ein. 29.Lf3 g6 30.Tf4 Der Bauer f7 geht verloren. 1-0

Buhmann Caruana
Fabiano Caruana mit leichtem Punkt gegen Rainer Buhmann

Evgeniy Najer und Leinier Dominguez trennten sich in einer Partie ohne große Aufreger remis. Der 39-jährige Russe eröffnete mit 1.d4 und sein Gegner aus Kuba wählte eine Variante des Damengambits, die er häufiger spielt. Najer bekam nach der Eröffnung seine Chance auf Vorteil. Er ließ sie aber liegen und musste nach einem schönen Konter seines Gegners in ein ausgeglichenes Endspiel übergehen.

Najer,Evgeniy (2687) - Dominguez Perez,Leinier (2713)
44. Sparkassen Chess-Meeting (6), 16.07.2016

Stellung nach 11.e4:

DiagrammNajer Dominguez

11...Te8?! Das war nicht nötig. Dominguez hatte übersehen, dass er nach 11...c5 12.d5 exd5 13.e5 Te8! spielen kann. Weiß kann nicht auf f6 schlagen mit dem König und der Dame auf der e-Linie. 12.0-0 c5 13.Tad1 h6 14.h3 Lf8 15.Le5 15.e5 erscheint logisch, doch nach 15...Sd5 16.Sxd5 exd5 17.dxc5 bxc5 18.Txd5 Sb4 19.Td2 Sxa2 gleicht Schwarz taktisch aus. 15...Sd7 16.Lg3 Db7 17.d5 exd5 18.Sxd5 Tac8

DiagrammNajer Dominguez2

19.b3 Najer wollte ...c4 verhindern, doch er hätte viel aktiver vorgehen können mit 19.Sh4! und der Idee den Springer auf f5 aufzustellen, z.B. 19...Sb4 20.Sxb4 cxb4 21.Sf5 Se5 (21...Txe4? 22.Txd7!) 22.f3 mit weißem Vorteil dank der besseren Struktur. 19...Sb4 20.Sc3 a6 21.Dd2 Sf6 22.a3 Sc6 23.e5 Tcd8 24.Dc2

DiagrammNajer Dominguez3

24...Sd4! Das war für Najer ein Schock, der nur mit einem Rückzug des Springers f6 rechnete. 25.Sxd4 cxd4 26.exf6 Dc6! Die Pointe. Schwarz erhält seinen Bauern zurück und die Partie geht in ein völlig ausgeglichenes Endspiel über. 27.Td3 dxc3 28.Dxc3 Dxc3 29.Txc3 Lxa3 30.Tc6 Lc5 31.fxg7 Kxg7 32.b4 Lxb4 33.Txb6 Die Partie dauerte noch bis zum 55. Zug, doch das Gleichgewicht wurde nicht mehr gestört.

Dominguez Najer
Dominguez und Najer kurz nach Beginn ihrer Partie

Die längste Partie des Tages spielte ein Mal mehr Wladimir Kramnik. Der 41-jährige Russe ist zwar der älteste Teilnehmer im Feld, doch er zeigt einen enormen Kamfpgeist. Böse Zungen könnten aber auch behaupten, dass er seine Chancen einfach nicht nutzt und in ausgeglichenen Stellungen ewig und übertrieben lange weiterkämpft. Gegen Liviu Dieter Nisipeanu erspielte sich der Ex-Weltmeister nach einem "Dameninder" in der Eröffnung eine bessere Stellung.

Die deutsche Nr. 1 fand keinen besseren Weg als ein Endspiel mit Turm gegen zwei Leichtifiguren anzustreben. Zu seinem Glück befanden sich ab dem 44. Zug nur noch jeweils drei Bauern auf einer Seite, womit die Gewinnchancen für Schwarz stark reduziert waren. Kramnik versuchte aber alles, um seinen Vorteil in einen vollen Punkt umzumünzen. Er manövrierte seine zwei Leichtifiguren und seinen König hin und her, doch Nisipeanu fand immer ein richtiges Feld für seinen Turm, um alle Gefahren zu umschiffen. Nach sieben Stunden und 42 Minuten bzw. 146 Zügen sah es Kramnik ein und gab die Partie remis.

Kramnik Nisipeanu
Kramnik kämpfte fast acht Stunden, doch es reichte wieder nicht 

Die 7. und letzte Runde des 44. Sparkassen Chess-Meetings beginnt am Sonntag um 13 Uhr. Die Paarungen lauten:

Wladimir Kramnik - Evgeniy Najer
Leinier Dominguez Perez - Maxime Vachier-Lagrave
Ruslan Ponomariov - Fabiano Caruana
Rainer Buhmann - Liviu Dieter Nisipeanu

Text und Fotos: Georgios Souleidis