Die sechste Runde des Sparkassen Chess-Meetings steckte voller Überraschungen. Die Favoriten Teimour Radjabov, gegen Daniel Fridman, und Leinier Dominguez Perez, gegen Kaido Kulaots, kamen nicht über ein Remis hinaus. Mit dem gleichen Ergebnis trennten sich Richard Rapport und Radoslaw Wojtaszek. Den Hit des Tages landete indes Ian Nepomniachtchi (Foto), der gegen Liviu-Dieter Nisipeanu mit einem 19-zügigen Kurzsieg eine seltene Miniatur kreierte.

Teimour Radjabov lief nach 1,5 Stunden enttäuscht aus dem Orchesterzentrum. Das Remis gegen Daniel Fridman, zumal mit den weißen Figuren, schmeckte dem Favoriten überhaupt nicht, da er damit eine große Chance verpasste an der Tabellenspitze Boden auf seine Konkurrenten zu gewinnen. Der Großmeister aus Aserbaidschan eröffnete mit dem Doppelschritt des d-Bauern und Fridman antwortete mit der hochtaktischen Botvinnik-Variante. Das hatte Radjabov nicht auf der Rechnung und verbrauchte viel Zeit, um sich an die theoretisch kritischen Züge zu erinnern.

Fridman dagegen spielte sehr schnell, brachte aber im 16. Zug etwas durcheinander. "Ich habe die Zugfolge verwechselt. Ich dachte, dass Weiß zuerst den h-Bauern vorschieben muss, bevor er kurz rochiert. Deswegen schob ich meinen f-Bauern vor, anstatt lang zu rochieren",  zeigte er sich verwundert. Objektiv stand Weiß danach klar besser, auch weil der schwarze König in der Brettmitte weilte, doch Radjabov war ob des schnellen Spiels seines Gegners verunsichert. Mit einem Bauern weniger forcierte er in komplizierter Stellung die Zugwiederholung nach 27 Zügen.


Fridman (links) und Radjabov schauen mahnend in die etwas zu laute Zuschauermenge

Noch schneller endete die Partie zwischen Richard Rapport und Radoslaw Wojtaszek mit der Punkteteilung. Rapport eröffnete mit der Englischen Partie. "Das habe ich nicht erwartet und antwortete deshalb mit einer Variante, die der chinesische Großmeister Ding Liren spielt", meinte Wojtaszek. Der ungarische Großmeister war überrascht und wählte eine harmlose Variante, die zu einem frühen Tausch vieler Figuren und zu einer total ausgeglichenen Stellung führte. "Es ist ärgerlich, dass ich nichts aus der Eröffnung herausgeholt habe, um wenigstens kämpfen zu können", zeigte sich der ungarische Großmeister anschließend enttäuscht über den Verlauf der Partie, die schon nach 24 Zügen remis gegeben wurde.


Rapport rückt die Figuren zurecht, während Wojtaszek etwas notiert

Für den Turnierfavoriten Ian Nepomniachtchi verlief das Sparkassen Chess-Meeting bislang enttäuschend, doch der heutige Sieg gegen Liviu-Dieter Nisipeanu war Balsam auf seine geschundene Schachspielerseele. Selten sieht man auf diesem Niveau, dass ein Großmeister derart zerlegt wird. Die deutsche Nr. 1 wählte gegen den Doppelschritt des e-Bauern die supersolide Russische Verteidigung und in einer der Hauptvarianten einen seltenen Damenzug. Der russische Großmeister war hervorragend vorbereitet und antwortete seinerseits mit einem neuen Zug.

Er verzichtete auf die lange Rochade und schob stattdessen seinen h-Bauern vor mit der simplen Absicht, den schwarzen König zu attackieren. Seine Läufer und zwei seiner Schwerfiguren hatten sich derart bedrohlich aufgebaut, dass Nisipeanu schon nach dem 19. Zug von Weiß aufgab. Für die gesamte Partie verbrauchte Nepomniachtchi 25 Minuten, während Nisipeanu weit über eine Stunde genutzt hatte, Wahnsinn!


Nisipeanu notiert, während Nepomniachtchi in den Saal hineinschaut

Leinier Dominguez Perez kam gegen Kaido Kulaots mit dem Schrecken davon. Gegen die Najdorf-Variante der Sizilianischen Verteidigung, die Kaido Kulaots fast ausnahmslos spielt, ließ sich der gebürtige Kubaner auf einen offenen Schlagabtausch ein. Ausgangs der Eröffnung, nach heterogenen Rochaden, schnappte sich Dominguez Perez einen Bauern am Damenflügel, anstatt am Königsflügel anzugreifen. Die offenen Linien gegen den weißen König gaben Kulaots hervorragendes Spiel. Anstatt den Weg zum weißen Monarchen zu suchen, tauschte er allerdings die Damen und ging in ein Doppelturmendspiel über, das ausgeglichen war.

Hier opferte Dominguez Perez, vielleicht etwas unnötig, einen Bauern, um einen gefährlichen Freibauern auf der b-Linie zu schaffen und dadurch kam noch etwas Spannung auf. Kulaots war gezwungen, diesen Bauern aufzuhalten, doch mit einem Mehrbauern hatte er keine Probleme, das Remis zu sichern.


Kulaots (links) und Dominguez kurz vor der Partie

Die letzte Runde des Sparkassen Chess-Meetings findet am Sonntag den 21. Juli statt. Die Partien beginnen schon um 13 Uhr im Orchesterzentrum Dortmund und lauten wie folgt:

Daniel Fridman - Ian Nepomniachtchi
Kaido Kulaots - Teimour Radjabov
Radoslaw Wojtaszek - Leinier Dominguez
Liviu-Dieter Nisipeanu - Richard Rapport

Text und Fotos: Georgios Souleidis

 

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